Ein Großteil meiner HDR-Bilder entsteht spontan, da die Kamera-Ausrüstung mittlerweile mein ständiger Begleiter ist. Das dabei anfallende Bildmaterial ist überschaubar und bedarf in der Regel keiner großartigen Organisation bzw. Vorbereitung für die weitere Bearbeitung.

Bei Treffen zu einer Foto-Session mit Freunden und Kollegen sieht es da schon anders aus. Mehrere Hundert Bilder sind dann keine Seltenheit. Um diese Flut an Belichtungsreihen effektiv zu bewältigen, ist schon ein wenig Organisation erforderlich.

Ordnung ist das halbe Leben

Einen Überblick verschaffen: Mit einer Bildbetrachtungssoftware werden die Belichtungsreihen herausgefiltert.

Über die Blende und Verschlusszeit aus den Exif-Daten lassen sich die Belichtungsreihen zuordnen.

Über die zur Kamera mitgelieferte Software, Canon ZoomBrowser EX, arbeite ich mich von Belichtungsreihe zu Belichtungsreihe vor. Hierbei helfen mir zusätzlich die Eigenschaften bzw. die Exif-Daten des jeweiligen Bildes, da ich vom gleichen Motiv gelegentlich mehrere Belichtungsreihen mit unterschiedlichen Blenden mache, um ein wenig mit der Wirkung der Schärfentiefe, also der Bereich vor und hinter dem fokussierten Objekt, indem das Bild noch scharf dargestellt wird, zu spielen.

Ist eine Belichtungsreihe identifiziert, lege ich diese in einem eigenen Ordner ab. Bei der Namenswahl für die Ordner ist keine große Kreativität gefragt; ich verwende üblicherweise den Ort, das Motiv und gegebenenfalls die Blende, bei mehreren Belichtungsreihen vom selben Motiv mit unterschiedlicher Blende.

Jede Belichtungsreihe für sich in einen Ordner abgelegt erleichtert die weitere Bearbeitung.

Über einen RAW-Konverter werden noch Einstellungen wie Weißabgleich, Farbton,-sättigung und Schärfe vorgenommen.

Weißabgleich und kleinere Korrekturen
Sind alle Belichtungsreihen in Ordnern untergebracht kommen wir zum zweiten Teil der Vorarbeit. Alle meine Aufnahmen erfolgen im RAW-Format und das gibt mir die Möglichkeit der nachträglichen Korrektur des Weißabgleichs.

Ich variiere je nach Bildmotiv noch den Farbton, Farbsättigung und die Bildschärfe. Diese ersten beiden Parameter lassen sich aber auch problemlos in Photomatix einstellen, letzteres erreicht man durch entsprechende Filter, wie z.B. Unscharf maskieren, in der Bildbearbeitungssoftware.
Bei der verwendeten Software handelt es sich ebenfalls um die mitgelieferte, in diesem Fall Canon Digital Photo Professional. Für die Korrekturen eignet sich in der Regel auch jeder andere RAW-Konverter. Wichtig ist nur, dass alle vorgenommenen Änderungen auf jedes Bild der jeweiligen Belichtungsreihe angewendet werden, denn sonst kann es zu unerwünschten Effekten, wie z.B. Farbverfälschungen oder Unschärfen, kommen.

Photomatix PRO
Über den Menu-Eintrag HDR – HDR erzeugen wird eine der vorbereiteten Belichtungsreihen zu einem HDR-Bild zusammengesetzt und mit dem Tone Mapping Verfahren HDR – Tone Mapping fortgefahren.

Die Belichtungsreihe beim Tone Mapping in Photomatix PRO.

Das Einstellen der Regler ist wie bereits erwähnt Übungs- und auch Geschmackssache, aber ich möchte Euch gerne meine Herangehensweise zeigen.
Bei mir findet hauptsächlich die Tone Mapping Methode Detail Enhancer Verwendung und ich starte in der Regel mit den Standard-Einstellungen, welche sich über den Button Standard jederzeit setzen lassen. Von den Standard-Einstellungen und der Vorschau des Bildes ausgehend teste ich zuerst die unterschiedlichen Wirkungen der Funktion Kontrast glätten.

Kontrast glätten im direkten Vergleich

Das obige Bild zeigt die Stufen sehr Schwach, Mittel und sehr Stark (von links nach rechts) im direkten Vergleich, auffällig hierbei ist, dass der Schatten unter dem Poller bei geringer Kontrastglättung fast komplett weg fällt. Außerdem entsteht am Motiv ein feiner Lichtsaum, ein so genanntes Halos, welcher zusätzlich zur Unnatürlichkeit der Szene beiträgt.

Mit zunehmender Stärke der Kontrastglättung wächst sowohl der Schatten unter dem Poller als auch in der oberen linken Ecke des Bildes und der Lichtsaum schwindet.

Letztendlich fällt meine persönliche Auswahl auf die Stufe Stark.

Kartenreiter Farbe
Über den vorangegangenen Weißabgleich hatte ich zwar bereits die Farbtemperatur der einzelnen Bilder gesetzt, aber hin und wieder ist doch eine Korrektur für die Bildwirkung vorteilhaft.

Farbtemperatur im direkten Vergleich

Die Farbtemperaturen von -10, 0 und +10 (von links nach rechts) im Bild variieren von einem kühlem, künstlichen Blau bis hin zu einem warmen, sonnigen Gelb bzw. Rot.

Ich korrigiere die Farbtemperatur auf -5, um den ohnehin schon gelben Poller, im Vergleich zur Kai-Mauer, nicht die Show zu stehlen.

Lichter und Schatten sind komplett entsättigt, nur die Mitteltöne behalten noch Ihre Farbe.

Zusätzliche Farbakzente lassen sich über die Regler Sättigung Lichter und Sättigung Schatten setzen. Die Mitteltöne bleiben von den Einstellungen der Regler unberührt, wie das nachfolgende Bild zeigt.

Für eine zusätzliche Akzentuierung des Pollers und zum Ausgleich der korrigierten Farbtemperatur setze ich Sättigung Lichter auf +2. Das Gelb des Pollers erscheint wärmer und kräftiger.

Kartenreiter Mikro
Der Regler Mikrokontrast beeinflusst die lokalen Details des Motivs.

Mikrokontrast im direkten Vergleich: -10, 0, +10

Der Vergleich zeigt, dass bei einem niedrigen Wert die Details abnehmen und das Bild in sich heller wirkt. Auch eventuell vorhandenes Bildrauschen kann über niedrige Werte minimiert werden.
Mit dem Regler Mikrokontrast glätten kann man den, bei hohen Mikrokontrast Werten, auftretendem Rauschen entgegenwirken und das Bild „glatter“ werden lassen.

Mit den Werten Mikrokontrast +3 und Mikrokontrast glätten 0 erhöhe ich noch geringfügig die Details.

Kartenreiter L/S
Die Regler Lichter glätten und Schatten glätten verhindern die Kontrastverstärkung in den jeweiligen Bereichen. Sofern noch die, vorher bereits erwähnten, Lichtsäume vorhanden sind, lassen sich diese durch Glätten der Lichter beseitigen. Hierbei verliert das Bild jedoch etwas Schärfe.
Mit Schatten beschneiden lässt sich die Intensität der Schatten bzw. Tiefen bestimmen. Je größer der Wert, desto dunkler sind Schatten-Bereiche.

Schattenbeschneiden im Vergleich: 0%, 50%, 75% und 100% (von links oben nach rechts unten)

Die möglichen Werte für die drei Regler liegen zwischen 0 und 100%, jedoch sind die Auswirkungen unter 50% kaum zu sehen.

Ich lasse in diesem Beispiel alle Regler auf 0%.

Zum Schluss varriiere ich noch die Stärke der Tone Mapping Methode in den allgemeinen Einstellungen zwischen dem Standardwert von 70% und dem Maximum von 100%. Der endgültige Wert ist immer eine Bauchgefühl bzw. Geschmackssache.
Die Stärke setze ich hier auf 90% fest.

Entspricht das Bild meinen Vorstellungen, werden die getroffenen Einstellungen im gleichen Ordner wie das Ausgangsmaterial gespeichert. So lässt sich später noch nachvollziehen mit welchen Einstellungen das jeweilige Bild bearbeitet wurde. Anschließend wird das Tone Mapping angewendet.

Die Belichtungsreihe (links), das mit den Standardwerten (mitte) und den beschriebenen Einstellungen (rechts) erstellte Bild.

Das Ergebnis vom Tone Mapping wird ebenfalls im gleichen Ordner abgespeichert und nun folgt nur noch die abschließende Bearbeitung mit einer Bildbearbeitungssoftware.

Welche Blende?
Ich werde oft von ebenfalls HDR-Fotografie begeisterten Freunden gefragt, welche Blende ich bei den Bildern benutze.
Ich möchte Euch am Beispiel des gelben Pollers die Auswirkungen unterschiedlicher Blenden-Werte auf das Bild zeigen.
Ich habe zu diesem Zweck drei Belichtungsreihen vom Poller mit unterschiedlichen Blenden-Werten angefertigt. Durch das Variieren der Blende hat sich zwangsläufig auch die Belichtungszeit geändert, aber alle anderen Parameter, wie z.B. der Fokus, die Brennweite, der Abstand zum Objekt, der Weißabgleich usw. sind für jedes Bild der Belichtungsreihen identisch. Beim Tone Mapping wurden ebenfalls identische Einstellungen angewendet.

Die Auswirkung unterschiedlicher Blenden-Werte auf die Schärfentiefe im Vergleich. Blende 4 (links), Blende 8 (mitte) und Blende 32 (rechts)

Die Schärfentiefe variiert. Während bei der Offenblende, so bezeichnet man die größtmögliche Blendenöffnung des Objektivs, der hintere Bereich des Pollers bereits unscharf ist, reicht die Schärfentiefen bei Blende 32 bis hin zu den blauen Fransen des Tampen.

Für welche Version der drei Bilder würdet Ihr Euch nun entscheiden?

Die fehlende Schärfe im oberen linken Bereich des Bildes wirkt wegen der geraden Kaimauer bei der Version mit der Offenblende (Blende 4) wie verwackelt. Das bringt eine gewisse Unruhe in das Bild. Bei der Version mit Blende 32 sind das Seil, die Begrenzung des Kais und die Körnung des Kais noch klar erkennbar und lenken vom eigentlichen Motiv, dem gelben Poller, ab.

Meine Entscheidung fällt auf die Version mit Blende 8. Das Thema „Leinen Los“, welches mir bei der Aufnahme vorschwebte ist durch den scharf gezeichneten Poller im Vordergrund und das nach oben auslaufenden Seil, seemännisch auch Tampen genannt, welches mit zunehmender Entfernung vom Poller an Schärfe verliert, am besten umgesetzt.

Das fertige Werk: Leinen Los - 3 Einzelaufnahmen mit 1/800 1/200 und 1/50s, f/8, ISO 100, Brennweite 44mm

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